In der St. Bonifatiuskirche in Hameln befindet sich ein dreiarmiger, 1710mm hoher Leuchter aus Bronze aus dem Ende des 15.Jahrhunderts. Von diesem Leuchter wurden die drei Tropfschalen für das Kerzenwachs gestohlen. Die „Evangelisch lutherische Landeskirche Hannovers“ hat eine Kunstobjektkartei, in der sich für sämtliche Kunstgegenstände Dokumentationen in Bild und Schrift befinden. Aus dieser Kartei konnte die ursprüngliche Form und die maßstäbliche Größe dieser Kerzenteller recherchiert werden. Die Berechnungen haben ergeben, dass die Teller einen Durchmesser von 170mm und eine Höhe von 80mm haben.
Historisch sind diese Leuchterteile im Wachsausschmelzverfahren hergestellt worden. Hierfür wird ein Positivmodell durch Gießen, Aufschmelzen, Schnitzen und ähnliche Verfahren in Wachs geformt. Von diesem Modell wird eine Negativform in einer Einbettmasse aus Gips und Sand erstellt. Nach Aushärten dieser Einbettmasse wird das Wachs ausgeschmolzen. In den so entstandenen, negativen Hohlraum wird das geschmolzene, flüssige Metall eingegossen. Nach Erstarren und Abkühlen des Metalls wird die Einbettmasse abgeschlagen und das Gussstück entnommen. Wir sprechen von einer „verlorenen Form“, da diese nicht erneut verwendet werden kann.
Das Schnitzen des Modells von Hand ist eine sehr zeitaufwendige Technik. Wenn drei Tropfschalen, wie bei diesem Projekt benötigt werden, formt man das positive Gussmodell in einem speziellen Formsilikon negativ ab, sodass von diesem Modell mehrere positive Wachsformen gegossen werden können, da diese ja beim Ausschmelzen aus der Einbettmasse zerstört werden.
Die modernen Möglichkeiten erlauben uns historische Techniken neu zu interpretieren. Die gestohlenen Tropfschalen haben wir mit einem 3D CAD Programm (Rhinoceros 3D) am Computer konstruiert und mit den notwendigen Gussträngen versehen. Die Gusstränge sind die Kanäle, wo das geschmolzene Metall in die Gussform einfließt und die Luft entweichen kann. Beim Erkalten schrumpfendes Material wird aus diesen Kanälen nachgezogen. Dieses virtuelle positive 3D Modell haben wir mit dem 3D Drucker hergestellt und traditionell in die Einbettmasse eingeformt. Im Ofen wurde der 3D Druck ausgeschmolzen. Der so entstandene negative Hohlraum stand nun bereit für das Eingießen der Bronze.
Bronze, das ist ein Überbegriff für eine Vielzahl von Kupferlegierungen, traditionell Kupfer/Zinn. Legierung ist der Fachbegriff für Metalle, die im geschmolzenen Zustand vermengt werden, um die Materialeigenschaften für den jeweiligen Zweck zu optimieren. Doch für welche Legierung- bzw. für welches Mischungsverhältnis hat sich der damalige Gießer entschieden? Um dies herauszufinden haben wir die verbliebenen Elemente des Leuchters aus der Kirche in unsere Firma gegeholt. Unser Schrotthändler verfügt über ein RFA (Röntgen-Floureszenz- Analyse) Gerät zur Analyse von Metallschrotten. Mit dieser RFA-Analyse lassen sich zerstörungsfrei Metalllegierungen in ihrer genauen Zusammensetzung identifizieren. Somit hat unser Schrotthändler diese Leuchterteile für uns analysiert, sodass wir die Zusammensetzung der vorhandenen Bronze selbst in unserem Schmelzofen mischen und die Tropfschalen in der Original-Legierung wieder nachgießen konnten.
Nach dem Guss wurden die Gusskanäle abgesägt, die Gussoberfläche sowie Unregelmäßigkeiten nachbearbeitet, sowie die Aufnahmen an den Tropfschalen an die Originalsubstanz angepasst. Die historische Patina wurde an den rekonstruierten Tropfschalen chemisch mit Schwefelleber nachempfunden.